STRATO-ZERO
Industriebahnhof
Singen
, 1998/2018, Wandmalerei, Harald F. Müller in Zusammenarbeit mit Fabian Winkler, alle Fotos: Guido Kasper
Singen
kümmert sich um KulturgüterInstandsetzung des Haltepunkts Industriegebiet im Zusammenhang der
Singen-Trilogie
von Harald F. Müller

Die Industriestadt
Singen
investiert in ihre Kulturgüter. Kunst im öffentlichen Raum spiegelt Beweglichkeit, ihre Instandhaltung wertet die Stadt nachhaltig auf.
Singen
zeigt sich als Kunststadt mit großem zukunftsfähigem Potenzial.

Singen
ist zu einem wichtigen Industriestandort gewachsen. Mit Alusuisse, Georg Fischer, Maggi und Takeda hat sich hier Großindustrie erfolgreich etabliert - Konzerne und mittelständische Industrie konnten hier wachsen und sich zukunftsfähig entwickeln. Ein attraktiver Standort ist
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nicht nur als Verkehrsknotenpunkt, sondern auch als ein Ort der Entwicklung, an dem sich viel bewegen lässt.

Geistige Beweglichkeit und die Fähigkeit, mit neuesten Entwicklungen Schritt zu halten, spiegeln sich unübersehbar auch in Kunstprojekten, wie beispielsweise der 1998 realisierten Gestaltung des Haltepunkts Industriegebiet. Eigentlich ein Nebenbahnhof, überrascht die Zweckarchitektur der Haltestelle mit einem auffälligen Farbkonzept, das die Bedeutung des
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er Industriegebiets unterstreicht. In Zusammenarbeit mit Fabian Winkler ging es Harald F. Müller bei der Entwicklung dieses Farbkonzepts darum, künstlerische Innovation und neueste Technologie zusammenzubringen und neue Wege der Architekturgestaltung zu gehen. Inzwischen ist die Digitalisierung allgegenwärtig, doch die Aktualität des Haltepunkts Industriegebiet ist ungebrochen.

Inspiriert von Frachtcontainern im Industriegebiet wurde nicht in Farbflächen, sondern in Farbkörpern gedacht, wodurch der Eindruck von schwarzen, weißen und roten Legosteinen entsteht. Die Farbe erscheint als Material, das die Architektur räumlich durchdringt. Wie eine Messlatte in Weiß, Schwarz und Rot liegt der Industriebahnhof in der Landschaft. Das elegante, in hellem Gelb gefasst Geländer bündelt die Aufmerksamkeit und fasst als verweisender Rahmen die tieferliegende Architektur. Die Grundfarben Gelb, Rot, Schwarz und Weiß stellen einerseits eine Verbindung her zur Signalästhetik der Bahn, zitieren andererseits technische Skalen und treten mit der industriellen Umgebung in einen Dialog.

Die Simulation dieses Projekts entstand auf einem Silicon Graphics High-End 3D Grafikcomputer mit der Software "Softimage", die wenige Jahre zuvor in "Jurassic Park" erstmals computergenerierte hyperrealistische Figuren in die Kinos brachte. Im Industriegebiet
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wird diese digitale Technologie auf Architektur übertragen - ein zukunftsweisendes Beispiel interdisziplinärer Kooperation. Mit dem Medienkunstprojekt "En Route" führten Harald F. Müller und Fabian Winkler wenige Jahre später diesen Gedanken auf Straßen der Schweiz, Italiens und Frankreichs weiter und verknüpften industrielle Architektur mit dem Themenfeld Mobilität, Bewegung und Transport intermedial. Gezeigt wurde dieses Projekt 2002 im Kunstmuseum
Singen
und 2005 im Kunstmuseum Bonn (https://web.ics.purdue.edu/~fwinkler/EnRoute).

Fabian Winkler ist in
Singen
kein Unbekannter. Ehemals
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er Schüler, studierte er an der HFG Karlsruhe und lehrt heute als Professor für Kunst und Medien in den USA. Seine Kunstprojekte internationaler Relevanz haben ihren Ursprung in
Singen
. Schon als Schüler trat er mit Kunstprojekten in das Licht der Öffentlichkeit, ein großformatiges Bild von ihm ist heute noch im
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er Rathaus zu sehen. Seine letzte Arbeit, "National Security Garden", in Zusammenarbeit mit Shannon McMullen entstanden, wurde ebenfalls in
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erstmals vorgestellt, bevor es seine konzernkritische Wirkung international entfaltete. Begleitet wurde das Projekt von einem öffentlichen Forum im Kunstmuseum
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und Künstlergesprächen im Friedrich-Wöhler-Gymnasium - manch ein
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er mag sich noch an das nächtens bunt illuminierte Sojapflanzenfeld vor dem Rathaus erinnern (http://gardensandmachines.com/NSG_Singen).

Kollaboration ist im Werk Harald F. Müllers ein zentraler Gedanke. In enger Zusammenarbeit mit Architekten und Nutzern entwickelt er seit über zwanzig Jahren Farbkonzepte für Bauwerke. Dazu zählen zahlreiche Projekte mit den Architekten Gigon/Guyer wie der Prime Tower und das Löwenbräuareal in Zürich und zuletzt, visuell angebunden an ein benachbartes Universitätsgebäude von OMM/Rem Kohlhaas, ein Hochschulgebäude in Paris Saclay. In Zusammenarbeit mit dem dem Büro Z2G und in engem Austausch mit den Bauherren und Raumplanern entstand ein Licht und Akustik einbeziehendes Farbkonzept für das Google Headquarter in Zürich. Die Kooperation an der Zeppelin Universität Friedrichshafen wurde 2018 mit dem Bundeshochschulbaupreis gekürt, das Josefine Kramer Haus in Tettnang, mit signalroten Farbsetzungen von Harald F. Müller, wurde mit dem Preis Deutscher Architekten ausgezeichnet und 2016 im Architekturmuseum Frankfurt präsentiert. In der Region prägen Harald F. Müllers Farbkonzepte außerdem beispielsweise das Berufsschulzentrum Radolfzell und die Neonatologie im HBH Klinikum
Singen
. Neubauten des Höchstleistungsrechenzentrums der Universität Stuttgart zeigen seit Jahren deutlich die konzeptuelle Handschrift Harald F. Müllers in ihrer unverwechselbaren architektonischen Farbgestaltung.

Aus dem Gedanken des übergreifenden Austauschs hat Harald F. Müller auch das Konzept seiner Halle entwickelt, die er nur 400 Meter vom Haltepunkt Industriegebiet entfernt errichtet hat - das erweiterte Atelier als Möglichkeitsraum umfassenden Austauschs hat seinen idealen Standort im
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er Industriegebiet. Die Atelierhalle verkörpert ein offenes Konzept, in dem Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Forschung, Musik, Kunst und Architektur in engen Austausch treten und so Synergien entstehen. Kooperative Projekte sind bereits mit der Universität Stuttgart, Kunstakademien und dem Architekturbereich der ETH Zürich geplant und teilweise auch schon realisiert worden. Die Öffnung der Halle umfasst auch die Einladung externer Künstler zu Ausstellungen und Interaktion mit Harald F. Müllers Reproduktionen, Cuts und raumbezogenen Installationen.

Für
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s öffentlichen Raum hat Harald F. Müller bereits ein drittes Werk konzipiert, das die Stadt als innovativen Knotenpunkt thematisiert: die Skulptur "Diamond Grade", eine auf das Kunstmuseum verweisende Wegmarke und ein Wegweiser in die Zukunft der Kulturstadt
Singen
. Die scheinbar über der Straße schwebende Skulptur ist schlicht und doch auffällig: Einerseits ist sie die 1:1 Reproduktion eines Schildes für lange Destinationen auf Schweizer Autobahnen. Andererseits ist das Schild überraschenderweise unbedruckt und visuell ruhig, es nimmt sich trotz seiner Großflächigkeit zurück und fügt sich souverän in den Stadtraum ein. Die Leere der grünen Fläche bündelt die Aufmerksamkeit von Autofahrern wie Fußgängern mit ähnlicher Signalwirkung wie der vor 16 Jahren installierte "
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"-Schriftzug an der Feuerwehr. Mit hochwertiger Reflexionsfolie beschichtet und bei Dunkelheit beleuchtet, erobert das weiß gerahmte Farbfeld im vertrauten Grünton den Luftraum vor dem Kunstmuseum. Ohne es zu bezeichnen, weist die Arbeit sehr einprägsam auf das Kunstmuseum hin. Sie ist weder ein herkömmliches Hinweisschild noch eine traditionelle Skulptur; als medial bespielbare Präsentationsfläche bietet sie sich für eine Erweiterung in den virtuellen Raum an und hat damit das Potenzial, Vorreiter zukunftsfähiger Kommunikationskultur zu sein. Gefertigt aus den
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er Materialien Aluminium und Alucobond, betont sie außerdem den industriellen Reichtum dieser Stadt und steht zugleich für geistige Mobilität, die Wachstum und Erfolg ermöglicht.
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ist nicht auf den realen Verkehr zu reduzieren, was
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auszeichnet, ist das Potenzial gedanklicher Beweglichkeit, mit dem sich
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zukunftsorientiert präsentiert - spätestens seit dem von Jean-Christophe Ammann kuratierten Ausstellungsprojekt "Hier Da Und Dort" unübersehbar in Werken der Kunst im öffentlichen Raum.

Nach der bereits erfolgten Restaurierung der "
Singen
"-Buchstaben an der Feuerwehr, die ästhetische Maßstäbe manifestiert haben, setzt die Stadt mit der Instandsetzung des Haltepunkts Industriegebiet ein Zeichen ihrer kulturellen Beweglichkeit und zeigt nicht nur hohes Bewusstsein für zeitgenössische Kunst, sondern auch Kontinuität in der Entwicklung ihres urbanen Gesichts. Mit der neu erstrahlenden Gestaltung des Haltepunkts Industriegebiet und dem "
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"-Schriftzug bildet die noch nicht realisierte Skulptur "Diamond Grade" eine Trilogie von Kunst im öffentlichen Raum, die auf hohem ästhetischem Niveau die innovative Kraft zukunftsorientierter Offenheit und geistiger Mobilität in
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verkörpert.


Ines Zahler
Kunsthistorikerin

Projektsimulation Bahnstation Industriegebiet
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: https://youtu.be/gvE7yJYsAjA
Informationen zu Kollaborationen und Werken von Harald F. Müller:
www.stratozero.net

Ausführliche kunsthistorische Besprechung der Schriftskulptur
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von Harald F. Müller: Gerd Blum,
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sehen. In: Ammann, Jean-Christophe (Hrsg.), Hier, Da und Dort. Kunst in
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. Internationales Kunstprojekt im öffentlichen Raum
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am Hohentwiel 5. Mai - 8. Oktober 2000. Darmstadt 2000, S. 206-219. Download unter: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/417

 
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